Stürzende Linien – wie vermeidet und wie behandelt man sie

Viele Menschen betrachten das Zusammenlaufen von Linien als einen fotografischen Fehler. Falls auch Sie mit diesem Effekt unzufrieden sind, zeigen wir Ihnen heute, wie man ihn behandeln kann.

Stürzende Linien findet man immer auf Fotos von Städten, bei denen mit dem Objektiv über die Horizontebene gezielt wird. Aufgrund der Perspektive laufen dabei die Kanten der Gebäude nach oben hin zusammen und es entsteht der optische Effekt, dass sie nach hinten abstürzen. Auf folgendem Foto ist dieser Effekt besonders gut ersichtlich:

So wurde die Fontäne de Trevi von der Kamera aufgenommen. Es scheint, als ob der obere Bereich schmäler wäre, als  der untere und er somit gewissermaßen nach hinten kippen würde.  Canon 40D, Canon EF-S 10-22/3,5-4,5, 1/5 s, F8,0, ISO 100, Brennweite 10 mm

So wurde die Fontäne de Trevi von der Kamera aufgenommen. Es scheint, als ob der obere Bereich schmäler wäre, als der untere und er somit gewissermaßen nach hinten kippen würde.
Canon 40D, Canon EF-S 10-22/3,5-4,5, 1/5 s, F8,0, ISO 100, Brennweite 10 mm

Während manchen Leute diese perspektivische Verzerrung egal ist, sind manche Fotografen diesbezüglich sehr heikel und bessern sie auf allen ihren Aufnahmen aus. Unabhängig davon, in welche Gruppe Sie sich reihen würden oder ob Sie über dieses Problem bis jetzt gar nicht nachgedacht haben, zeigen wir Ihnen ein paar Methoden, wie man diese stürzenden Linien bekämpfen kann.

RICHTIG AUFNEHMEN

Leichter gesagt, als getan. Die einzige Möglichkeit, wie man mit gängiger Ausstattung architektonische Aufnahmen ohne schiefe Wände erstellen kann, besteht darin, das Objektiv weder nach oben noch nach unten, sondern geradeaus auf den Horizont auszurichten.

Manchmal ist diese Vorgangsweise erfolgreich wie auf dem folgenden Bild:

Foto ohne Perspektivenkorrektur, das bereits „richtig“ aufgenommen wurde.  Canon 40D, Canon EF-S 10-22/3,5-4,5, 1/100 s, F8,0, ISO 100, Brennweite 10 mm

Foto ohne Perspektivenkorrektur, das bereits „richtig“ aufgenommen wurde.
Canon 40D, Canon EF-S 10-22/3,5-4,5, 1/100 s, F8,0, ISO 100, Brennweite 10 mm

Leider bleibt aber, wenn man keinen interessanten Vordergrund findet, die untere Hälfte der Aufnahme ziemlich langweilig und es wird notwendig sein, das Foto zuzuschneiden. So verliert man aber wieder stark an Fläche. Rechnen Sie damit, falls Sie beispielsweise Druckunterlagen vorbereiten sollten.

Außerdem kann es passieren, dass viele der Gebäude aufgrund des geneigten Objektivs gar nicht ins Bild passen werden, weshalb sich diese Lösungsmethode oftmals als ziemlich unpraktisch herausstellen wird.

PERFEKTE AUSSTATTUNG

Falls Sie keine Kompromisse machen wollen, gibt es nur eine Lösung: ein Tilt-und-Shift-Objektiv zu verwenden. Diese Objektive sind bekannt dafür, dass sie die Schärfeebene drehen und somit visuell eine besondere Scharfstellung erzielen können.

Das ist aber bei weitem nicht alles, was diese Objektive können. Der weitere Zauber besteht darin, dass man beim Fotografieren mit einer auf den Horizont gerichteten Kamera das Objektiv ein paar Millimeter nach oben verschieben kann (wirklich verschieben, nicht drehen). Auf der Aufnahme sind folglich perfekt gerade Linien, aber kein überflüssiger Bodenbereich zu sehen – die Aufnahme „beginnt“ erst am Horizont.

Zum einen aufgrund dieser Beweglichkeit, zum anderen auch wegen der vergleichsmäßig viel größeren Linsen als bei gängigen Objektiven, die eine viel größere Fläche als der Bildsensor einnehmen und für die beschriebenen Einstellungsmöglichkeiten benötigt werden, sind die speziellen Tilt-und-Shift-Objektive sehr teuer.

Daraus folgt aber u.a. auch die Möglichkeit, ein eigenes Tilt-und-Shift mithilfe einer speziellen Reduktion und eines für größere Bildsensoren als Ihr System gedachten Objektivs zusammenzustellen. Beispielsweise die Micro Four Thirds Kamera kann anhand dieses Hilfsmittels das viel größere full frame Canon EF Objektiv anwenden. Auf diese Weise kann man jedes x-beliebige „Glas“ in ein Tilt-und-Shift-Objektiv umwandeln.

Damit schweifen wir aber bereits in ein Spezialgebiet ab. Deshalb schauen wir uns jetzt die überhaupt gängigste Lösung bezüglich stürzender Linien an.

COMPUTERBEARBEITUNG

Wenn Sie weder ein Tilt-und-Shift-Objektiv besitzen noch entlang des Horizonts fotografieren, steht Ihnen immer noch die PC Software zur Verfügung. Im Zoner Photo Studio ist die Linienkorrektur anhand der Funktion Kollinearität (K-Taste) besonders einfach. Hier können Sie mithilfe zweier Geraden rasch das gegenwärtige Zusammenlaufen im Bild feststellen:

Bearbeitungsvorgang im Zoner Photo Studio – Eingabe des Ist-Zustandes.

Bearbeitungsvorgang im Zoner Photo Studio – Eingabe des Ist-Zustandes.

Nachdem man die Eingabe bestätigt, führt das Programm eine umgekehrte Transformation durch und richtet das Bild auf. Es empfiehlt sich dabei das automatische Beschneiden auszuschalten, danach wird das Ergebnis etwa so aussehen:

Nach der Anpassung der Kollinearität.

Nach der Anpassung der Kollinearität.

Das automatische Beschneiden würde die Arbeit zwar beschleunigen, Sie könnten dann aber nicht mehr frei nach Ihren Vorstellungen das Bildformat einstellen. Hier wurde z.B. das Verhältnis von 3:2 eingehalten und gleichzeitig ein Ausschnitt gewählt, der sowohl den oberen Rand der Fontäne, als auch den Vogel unten umfasst. Ein Ausschnitt, den die Automatik aufgrund der weißen Stellen nie wählen würde:

Nach dem Zuschneiden.

Nach dem Zuschneiden.

Aber auch mit diesem Ausschnitt ist die Bearbeitung nicht besonders schwierig. Die fehlenden, weißen Stellen befinden sich im Bereich des Wassers, weshalb man sie mithilfe des Klon-Stempels (S) binnen etwa zwei Minuten retuschieren kann:

Endergebnis.

Endergebnis.

ALLES HAT SEINEN PREIS

Durch diese Korrektur geht aber sehr viel Bildinformation verloren, die nun nicht mehr genutzt werden kann. Außerdem hat der obere Bildbereich aufgrund der durchgeführten Pixelverzerrung ein weniger von seiner ursprünglichen Schärfe verloren. Dies fällt aber bei der üblichen Verwendung nicht sonderlich auf und man kann die Korrektur deshalb ohne größere Bedenken durchführen (ein Tilt-und-Shift-Objektiv würde das Endprodukt mit maximaler Schärfe und ohne Beschneidungen liefern).

NOTWENDIG?

Ich persönlich halte den Effekt der stürzenden Linien für unwesentlich und korrigiere ihn nur dann, wenn das Zusammenlaufen nicht zu stark ausgeprägt ist. Starkes Zusammenlaufen betrachte ich als einen Teil der Perspektive und belasse es so, wie es ist.

Im aufgezeigten Beispiel macht eine Korrektur Sinn und ich glaube, dass das Ergebnis besser als das Ursprungsbild aussieht. Es gibt aber zahlreiche Fälle, bei denen allein schon die Durchführung der Korrektur schwierig ist.

Beispielsweise folgendes Bild:

Eine Straße in Spanien mit extremer Perspektive.  Canon 5D Mark II, Canon EF 16-35/2,8, ISO 100, Brennweite 16 mm

Eine Straße in Spanien mit extremer Perspektive.
Canon 5D Mark II, Canon EF 16-35/2,8, ISO 100, Brennweite 16 mm

Auch wenn man eine solche Ansicht korrigieren kann, verliert das resultierende Bild seinen dramatischen Unterton und aufgrund der weitreichenden Transformation wird auch der Qualitätsverlust in diesem Beispiel beträchtlich sein.

Die Straße nach durchgeführter Korrektur.

Die Straße nach durchgeführter Korrektur.

Manche Aufnahmen kann man erst gar nicht korrigieren, da man ansonsten wichtige Bildelemente verlieren würde:

Westminster Abbey mit Straßenlaterne.

Westminster Abbey mit Straßenlaterne.

Es muss also jeder für sich entscheiden, ob eine Anpassung der Perspektive sinnvoll ist oder nicht. Wichtig ist auch, jedes Foto einzeln zu beurteilen. Den Vorgang der Bearbeitung kennen Sie  jetzt, also sollte eine allfällige Korrektur kein Problem mehr für Sie darstellen.

Letzte Änderung 17. November 2014

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Autor: Vít Kovalčík

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Kommentare

  • Bei Ihrem Beispiel (Tilt-Shift-Efeffekt)haben sie zwei schräge Linien auf dem Bild positioniert.
    Wenn ich im Programm Zoner17 mit dem Werkzeug (Tilt-Shift-Effekt) das machen will,ist das so wie es in Ihrem Musterfoto dargestellthaben wird nicht möglich.
    Was mche ich Falsch ?
    Wie geht das ?

    mfg. Schaller Dieter..

    • Zoner Redaktion

      Guten Tag Herr Schaller, vielen Dank für Ihre Anfrage. Wählen Sie das Tilt-Shift Werkzeug direkt im rechten Panel im Editor aus. Oder drücken Sie Umschalt+F. Hat das geholfen? Schöne Grüße, Zoner Redaktion

  • Peter Nehring

    Hallo und Guten Tag,

    vielen Dank für die Info bezüglich stürzender Linien.
    Ich habe das gerade an Bildern ausprobiert und es funktioniert hervorragend – aber
    wie bekomme ich die Linien nach Betätigung der Taste – K – wieder weg ?

    LG Peter Nehring

    • Zoner Redaktion

      Guten Tag Herr Nehring,

      Danke für Ihre Anfrage. Wählen Sie einfach eine andere Funktion aus. Zum Beispiel Schnellbearbeitungen (Taste Q), oder auch andere. Dann können Sie mit dem Bild weiter arbeiten oder alles speichern. Funktioniert das? Schöne Grüße, Zoner Redaktion

  • Wolf Wied

    Zu Zoner Tutorial: Unerwünschte Objekte intelligent entfernen > Mit Umgebung
    auffüllen im Editior. Ich habe den Bereich mit dem Lasso/Rechteck markiert und dann mit rechter Maustaste “ Mit Umg….auffüllen“ angewählt. Anschließen kommt die Meldung –.> Aufgrund fehlenden Speicherplatzes konnte der Vorgang nicht ausgeführt werden. Auf der Festplatte ist ausreichend Platz vorhanden. ( WIN 7 )
    Wo liegt hier das Problem? Bitte Info

    • Zoner Redaktion

      Die Arbeit mit dieser Funktion (besonders bei großen Dateien und einem großen Auswahlbereich) erfordert besonders viel Speicherkapazität im Arbeitsspeicher. Hier empfehlen wir mindestens 4 GB RAM und eine 64-Bit-Version von Windows. Bei einem Arbeitsspeicher von weniger als 4 GB RAM kann es deshalb bei der Bearbeitung von besonders speicherintensiven Funktionen zu dieser Fehlermeldung kommen.
      Da hilft leider nur ein neuer Rechner oder eine Aufrüstung des Arbeitsspeichers.