Sigma 35/1.2 DG II Art im Test: Lohnt sich das lichtstärkste 35-mm-Objektiv?

Die Sigma 35/1.2 DG II Art ist die zweite Generation des lichtstärksten 35-mm-Objektivs der Marke für spiegellose Kameras – und im Vergleich zur Vorgängerversion deutlich leichter und kompakter geworden. Nach fünf fotografierten Hochzeiten und mehreren Tausend Aufnahmen fassen wir zusammen, wie sich das Objektiv bei Schärfe, Bokeh, Autofokus und im praktischen Einsatz schlägt – und ob sich ein derart teures und spezialisiertes Glas gegenüber einer günstigeren und leichteren f/1.4-Variante überhaupt lohnt.
Was Sie in diesem Artikel erfahren
- Wie stark sich die Größe gegenüber der Vorgängerversion unterscheidet.
- Wie es um Bildqualität und Schärfe des Objektivs bei voll geöffneter Blende f/1.2 steht.
- Wie das Objektiv bei Porträts und Gruppenfotos mit dem Autofokus zurechtkommt.
- Warum ein derart lichtstarkes Glas Probleme mit einer zu kurzen Belichtungszeit bereiten kann.
- Welchen Einfluss der Verschlusstyp (mechanisch vs. elektronisch) auf die Qualität des Bokehs hat.
- Ob sich f/1.2 lohnt, oder ob die günstigere und leichtere f/1.4-Variante ausreicht.
Objektive mit einer Lichtstärke von f/1.2 sind die technologische Speerspitze. Sie fangen jede Menge Licht ein und lösen den Hintergrund kräftig auf, sind aber teuer und schwer. Lohnt es sich überhaupt, sie zu kaufen, wenn eine Fülle etwas weniger lichtstarker, dafür aber günstigerer und leichterer Objektive zur Verfügung steht?
Extrem lichtstarke Objektive wie dieses sind spezialisierte Werkzeuge. Die Zielgruppe sind meist professionelle Fotografinnen und Fotografen oder (sehr) begeisterte Amateure. Aber selbst wenn Sie keinen Kauf planen, interessiert Sie vielleicht, wohin sich dieses Marktsegment mit der aktuellen Entwicklung von Technik und Optik bewegt hat.

Warum ich mir die Sigma 35/1.2 II zugelegt habe
Meine Motivation war, mir ein neues Hauptobjektiv fürs Hochzeitsfotografieren anzuschaffen. Ich hatte zuvor bereits mit der älteren Sigma 35/1.4 DG HSM Art (für Spiegelreflexkameras) fotografiert und damit an einem Hochzeitstag rund 75 % aller Fotos aufgenommen.
Später bin ich auf das grandiose, bereits getestete Tamron 35-150/2-2.8 umgestiegen, das überraschend lichtstark und zugleich sehr flexibel ist. Dank des Zooms lassen sich damit Aufnahmen einfangen, die ich vorher verpasst hätte, weil ich Kameras oder sogar Objektive hätte wechseln müssen.
Doch letztes Jahr (2025) brachte Sigma bereits die zweite Version des 35-mm-Objektivs mit einer Lichtstärke von f/1.2 für Vollformatkameras heraus. Diese ist auf einmal deutlich leichter, als vergleichbare Objektive es früher waren, und könnte mein neuer Begleiter werden, für den es sich lohnt, den Zoom von Tamron beiseitezulegen.

Diesen Artikel schreibe ich nach den ersten fünf Hochzeiten, was mehrere Tausend Aufnahmen bedeutet.
Größe und Gewicht
Am meisten überrascht zunächst das geringe Gewicht. Bei einer Lichtstärke von f/1.2 stelle ich mir ein ziemlich schweres Objektiv vor, doch Sigma hat das Gewicht auf 755 g gedrückt. Das ist ein spürbarer Fortschritt gegenüber der Vorgängerversion, die 1090 g wog.
Ähnlich reduziert wurde auch die Größe. Aus einer Länge von 136 mm wurde die Konstruktion auf 111 mm geschrumpft.

Die Werte rücken damit deutlich näher an 35-mm-Objektive mit der geringeren Lichtstärke f/1.4 heran. In der Praxis handelt es sich zwar immer noch um einen „Brocken“, den man in der Hand spürt, doch es ist kein großes Problem, damit einen ganzen Tag durchzuhalten.
Bildqualität
Die Sigma 35/1.2 II ist sehr scharf. Selbst bei Blende f/1.2 sind auf den 60-Megapixel-Fotos alle Details perfekt zu erkennen. In den Randbereichen fällt das Ergebnis zwar etwas schwächer aus, ist aber immer noch sehr ordentlich – zumal scharfe Details am Bildrand ohnehin kein typischer Anwendungsfall sind (abgesehen vielleicht von Aufnahmen des Nachthimmels).


Typisch ist dagegen ein massiv unscharfer Hintergrund, und auch hier gibt es am Ergebnis nichts auszusetzen. Der Betrachter sieht sofort, worauf fokussiert wurde, der Rest verschwimmt in angenehmem Nebel. Das Bokeh ist sehr schön. Aktuell habe ich leider kein Objektiv 35/1.4 zum Vergleich zur Hand, aber unten sehen Sie einen Vergleich mit 35/2 vom Tamron 35-150/2-2.8.


Die Sigma 35/1.2 II mit eingestellter Blende f/1.2 gegen das Tamron 35-150/2-2.8 mit Blende f/2. Das Tamron hat vermutlich einen etwas engeren Bildwinkel und ist zugleich physisch länger, sodass es bei gleicher Position auf dem Stativ etwas weiter vorne sitzt. Das sollte ihm eigentlich helfen, doch die Unschärfe ist bei der Sigma trotzdem deutlich sichtbarer.
Autofokus
Die Schärfentiefe ist bei Blende f/1.2 sehr gering, daher kommt es auf eine präzise Fokussierung an. Zum Glück können heutige spiegellose Kameras dem Auge folgen, und selbst bei normaler Bewegung gab es keine Probleme mit dem Autofokus. Bei schnellem Tanz konnte ich mich allerdings nicht mehr auf die Präzision verlassen und habe lieber höhere Blendenwerte gewählt.


Schwieriger wird es beim Fotografieren eines Paares, bei dem Sie gerne beide Personen scharf hätten. Aus größerer Entfernung ist das bei Ganzkörperaufnahmen möglich, doch bei Detailaufnahmen ist wieder eine höhere Blende die sicherere Lösung. Eine gewisse Mitschuld daran trägt die Kamera Sony A7R V. Sie verfügt zwar über einen fantastischen Sucher, in dem jedes winzige Detail zu erkennen ist – aber nur, bis Sie zu fokussieren beginnen. Dann sinkt die Auflösung (und auch die Einstellung der hohen Bildqualität im Sucher hilft dabei nicht).
Da ich bei Personen den Auslöser fast durchgehend halb gedrückt halte, komme ich kaum in den Genuss des hochwertigsten Bildes und kann mich nicht danach richten. Auf das Fokussiersystem ist zwar Verlass, und eine Person ist scharf gestellt, doch bei allen anderen kann ich nur noch schätzen, wie scharf sie sind.

Zu kurze Belichtungszeit?
Schon bei der Nutzung des älteren Glases 35/1.4 bin ich darauf gestoßen, dass bei viel Umgebungslicht die kürzestmögliche Belichtungszeit von 1/8000 s nicht ausreichte. Ich habe daher lieber die Blende geschlossen, um eine Überbelichtung zu vermeiden. Bei der noch lichtstärkeren 35/1.2 war ich mir praktisch sicher, dass ich einen ND-Filter brauchen würde.
Doch zu meiner Überraschung habe ich ihn bisher nicht herausgeholt. Etwa 5 % der Fotos habe ich mit der Belichtungszeit von 1/8000 s aufgenommen, und manchmal blinkte im Sucher bereits ein Teil des Bildes warnend, doch ich konnte die RAW-Dateien stets ausreichend abdunkeln.


Eine der schwierigsten Situationen: ein weißer Stein in der Mittagssonne. Selbst die Belichtung von 1/8000 s reichte nicht aus, und im Sucher blinkte der weiße Bereich. Die RAW-Datei ließ sich aber trotzdem nach Belieben abdunkeln, und alle kleinen Details bleiben sichtbar.
Ich kann mir vorstellen, dass eine derart hohe Lichtstärke bei Kameras der unteren Klassen mit einem Verschlusslimit von „nur“ 1/4000 s ein größeres Problem darstellt. In Zukunft, wenn vielleicht einmal der vollelektronische Verschluss zum Standard wird, werden sich die Geschwindigkeiten dagegen erhöhen, und dieses Problem entfällt vollständig. Schon jetzt erreichen manche Kameras Zeiten von 1/16 000 bis 1/80 000 s.
Verschlusstyp
Da ist außerdem die Sache mit dem Verschluss, der auf „Erster Vorhang elektronisch“ (und zweiter mechanisch) eingestellt ist. Dieses System verschlechtert bei praktisch allen Geräten das Bokeh bei Zeiten kürzer als etwa 1/1000 s.
Mir geht es hier um ein möglichst schön unscharfes Bokeh, deshalb bin ich im Menü auf einen rein mechanischen Verschluss umgestiegen, obwohl dieser etwas lauter ist.


Links das Bokeh bei der Kombination aus elektronischem erstem und mechanischem zweitem Vorhang – der untere Teil der Kreise fehlt. Rechts das korrekte Bokeh bei rein mechanischem Verschluss.
Andererseits ließe sich auch ein rein elektronischer Verschluss verwenden, doch der bringt wieder eigene Probleme mit sich, weshalb ich ihn meide. Für eine ausführlichere Beschreibung ist hier zu wenig Platz, doch das gesamte Thema finden Sie im Artikel über mechanische und elektronische Verschlüsse.
Vignettierung
Dunkle Ränder sind bei lichtstarken Objektiven üblich, doch hier fällt die Vignettierung besonders ausgeprägt aus. Zum Glück stört das bei den meisten Aufnahmen nicht und lenkt den Blick eher zur Bildmitte, wo sich das Hauptmotiv befindet.

Ich war allerdings daran gewöhnt, den Aufnahmen häufig noch eine leichte Vignettierung hinzuzufügen. Hier ist es umgekehrt: Ich lasse nur die natürliche Vignettierung stehen und entferne sie bei Anzeichen von Problemen stattdessen teilweise.
Ergibt f/1.2 Sinn?
Eine alte Regel besagt: Steht in einer Zeitungsüberschrift eine Frage, lautet die Antwort „Nein.“ (Achten Sie ruhig einmal darauf!) Hier steht das Fragezeichen nur im Kapiteltitel, und meine Antwort wäre „Vielleicht.“
Die Sigma 35/1.2 II macht wunderschöne Fotos, doch ihre Schwester Sigma 35/1.4 II schlägt sich ebenfalls gut. Das zweite Objektiv besitze ich nicht, aber zur Veranschaulichung folgt ein Vergleich der Blenden f/1.2 und f/1.4 am selben Objektiv Sigma 35/1.2 II. Das ist nicht ganz aussagekräftig, ein Vergleich mit einem anderen Glas wäre genauer, doch auch das gibt eine gewisse Vorstellung:


Blende f/1.2 (links) und f/1.4 (rechts) am selben Objektiv Sigma 35/1.2 II. Der Unterschied zeigt sich vor allem in der Bildmitte. An den Rändern wird er durch die Vignettierung beeinflusst – dort wäre wahrscheinlich mehr im Vergleich mit dem Objektiv 35/1.4 zu sehen, für das dies die extremste Einstellung wäre.
Ich bin mir sicher, dass ich in vielen Fällen die Fotos aus beiden nicht einmal auseinanderhalten könnte. Aber aus technischer Sicht habe ich wohl das Maximum für die Bildqualität herausgeholt, und eine bessere Blende hilft eben manchmal doch und bringt die Aufnahmen noch einen Schritt weiter als „gewöhnliche Objektive“. Der Betrachter erkennt zwar bei einzelnen Fotos nicht, welche Ausrüstung verwendet wurde, doch bei Hunderten von Hochzeitsfotos wird er unbewusst das schöne Bokeh wahrnehmen, das die Hauptpersonen im Bild hervorhebt.
Empfehlung
Ein Objektiv mit Blende f/1.2 ist preislich nicht mehr so unerreichbar und vom Gewicht her nicht mehr so realitätsfern wie früher, daher gibt es keinen Grund, den Kauf zu bereuen.
Allerdings bewegen wir uns bereits an der Grenze der technischen Möglichkeiten der Hersteller, wo für nur kleine Fortschritte in der Qualität Premiumpreise fällig werden. Für die meisten Menschen wird auch ein Objektiv mit Blende f/1.4 eine hervorragende Wahl sein, und wer noch mehr sparen und das Gerät in der Hand leichter haben möchte, kann auch zu einer der mehreren 35/1.8-Varianten greifen. Der größte Unterschied wird am Ende aber wahrscheinlich ohnehin die Komposition und die fotografische Idee sein.
FAQ
Wie schwer ist die Sigma 35mm F1.2 DG II Art?
Laut Hersteller wiegt sie 755 g, was etwa 30 % weniger ist als bei der Vorgängerversion, die 1090 g wog. Zugleich wurde auch die Länge des Objektivs verkürzt – um etwa 20 %.
Wie unterscheidet sich die Sigma 35/1.2 DG II Art von der Vorgängerversion?
Neben dem deutlich geringeren Gewicht und den kleineren Abmessungen bringt die neue Version eine bessere optische Leistung, ein Floating-Fokussystem mit zwei unabhängigen Fokusgruppen und einen kleineren Filterdurchmesser (72 mm statt zuvor 82 mm) mit sich.
Hat das Objektiv Probleme mit einer zu kurzen Belichtungszeit?
Bei extrem lichtstarken Objektiven kann es bei hellem Licht vorkommen, dass selbst die kürzeste mechanische Belichtungszeit der Kamera (meist 1/8000 s) nicht ausreicht und eine Überbelichtung droht. In der Praxis lässt sich das oft auch ohne ND-Filter lösen, indem die RAW-Datei bei der Bearbeitung leicht abgedunkelt wird.
Beeinflusst der Verschlusstyp die Qualität des Bokehs?
Ja. Die Kombination aus elektronischem erstem und mechanischem zweitem Verschlussvorhang verschlechtert bei kürzeren Zeiten (etwa unter 1/1000 s) generell die Form des Bokehs – ein Teil der Kreise wird dabei abgeschnitten. Ein rein mechanischer Verschluss beugt diesem Problem vor, ist dabei jedoch etwas lauter.
Lohnt sich der Kauf eines Objektivs mit Blende f/1.2, oder reicht f/1.4?
Für die meisten Fotografinnen und Fotografen wird ein Objektiv mit Blende f/1.4 völlig ausreichend sein – zudem günstiger und leichter. Glas mit f/1.2 ergibt vor allem für Profis Sinn, denen es um das letzte Detail bei Schärfe und Bokeh geht, auch wenn den Unterschied auf dem einzelnen Foto oft selbst der Betrachter nicht erkennt.

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