Schärfentiefe in der Praxis: Von den Grundlagen bis zum Tilt-Shift

Die Schärfentiefe zählt zu den häufigsten Begriffen, die Fotografen verwenden – dabei verbirgt sich dahinter etwas viel Wesentlicheres als nur ein „unscharfer Hintergrund“. Die Arbeit mit der Schärfentiefe hat einen entscheidenden Einfluss auf die Lesbarkeit des Bildes, die Aufmerksamkeit des Betrachters und die Gesamtatmosphäre der Fotografie. Betrachten wir sie einmal etwas anders als mit Tabellen und Formeln.

Was Sie in diesem Artikel erfahren:

  • Was Schärfentiefe ist und warum es nicht nur um einen „unscharfen Hintergrund“ geht.
  • Wie man sich einen scharf abgebildeten Raum in der Praxis vorstellen kann.
  • Was der Unterschied zwischen optischer Unschärfe und Bewegungsunschärfe ist.
  • Wie die Schärfentiefe durch Blende, Brennweite, Entfernung und Sensorgröße beeinflusst wird.
  • Wann eine geringe und wann eine große Schärfentiefe sinnvoll ist.
  • Wann eine geringe und wann eine große Schärfentiefe sinnvoll ist.
  • Wie Tilt-Shift-Objektive und die Neigung der Fokusebene funktionieren.

Die Schärfentiefe ist nicht nur ein technischer Parameter. Sie ist eines der mächtigsten Werkzeuge, mit denen der Fotograf die Aufmerksamkeit des Betrachters lenkt – ähnlich wie ein Regisseur mit dem Licht auf der Bühne arbeitet. Bevor wir uns mit Blenden, Brennweiten und Sensoren befassen, werden wir die Schärfentiefe anhand eines einfachen Beispiels veranschaulichen.

Was ist Schärfentiefe und wie man sie in der Praxis sieht

Stellen Sie sich beispielsweise ein Butterstück als den gesamten Raum vor der Kamera vor. Wenn wir die Szene nur betrachten, ist alles „gleich unscharf“ – die Kamera weiß noch nicht, worauf sie fokussieren soll. In dem Moment, in dem wir fokussieren, ist es, als würden wir mit einem Messer durch das Butterstück fahren und eine Scheibe herausschneiden.

Die herausgeschnittene Scheibe stellt den scharf abgebildeten Bereich dar. Alles, was in diesen Bereich passt – Personen, Gegenstände, Details – wird auf dem Foto scharf abgebildet. Was davor oder dahinter liegt, wird allmählich unscharf.

Genau so funktioniert die Schärfentiefe – genauer gesagt, der scharf abgebildete Raum. Es handelt sich nicht um einen einzelnen Punkt, sondern um einen bestimmten Ausschnitt des Raums, der scharf ist. Dieser Raum ist senkrecht zur Achse des Objektivs ausgerichtet (Physiker mögen mir verzeihen – ich bin versucht, ihn als Ebene zu bezeichnen, jedoch hat eine Ebene keine Dicke).

Blende f/2,8: Die Schärfe liegt im dünnen Schnitt, d. h. es besteht eine geringe Schärfentiefe.

Dieser scharfe Bereich kann so breit wie die herausgeschnittene Scheibe Butter sein bzw. extrem dünn – fast wie ein Schnitt mit einer Rasierklinge. Und genau die Dicke dieses „Schnitts” wird als Schärfentiefe bezeichnet.

Blende f/4,0 – Die Schärfe liegt im Bereich der ausgeschnittenen Scheibe, hier ist die Schärfentiefe größer.

Alles, was sich außerhalb dieses scharf abgebildeten Bereichs befindet, fällt bereits in den Unschärfebereich – also in das, was wir gemeinhin als Bokeh bezeichnen. Genau hier entsteht die Trennung des Motivs vom Hintergrund und das bekannte Gefühl von Volumen und Räumlichkeit.

Der Unterschied zwischen Schärfentiefe und Bewegungsunschärfe

Es ist wichtig, zwischen Unschärfe und Bewegungsunschärfe zu unterscheiden. Unschärfe ist ein rein optisches Phänomen, das durch die Eigenschaften des Objektivs und die Einstellungen der Kamera bedingt ist. Dynamisch unscharfe Hintergründe entstehen hingegen beim Fotografieren von sich bewegenden Objekten mit längerer Belichtungszeit, beispielsweise beim Panning, bei dem Sie einem sich bewegenden Objekt folgen. Das Ergebnis mag auf den ersten Blick ähnlich aussehen, aber das Prinzip ist ein ganz anderes.

Verwechseln Sie Bewegungsunschärfe nicht mit Schärfentiefe. Bei diesem Panning ist nur ein Teil des Kindes scharf, da ich mit langer Belichtungszeit fotografiert und das Objekt verfolgt habe. In diesem Fall spielt weder die Blende noch die Brennweite eine Rolle für das Ergebnis.

Der Schärfentiefeeffekt lässt sich am besten bei Detailaufnahmen oder Nahaufnahmen beobachten. Je näher das fotografierte Objekt ist, desto deutlicher ist der Unterschied zwischen dem scharfen und dem unscharfen Teil des Bildes. Er ist auch bei Fotos, die mit einem Teleobjektiv aufgenommen wurden, gut zu erkennen, obwohl hier oft der Vordergrund fehlt, der dabei helfen würde, die Tiefe des Raumes wahrzunehmen.

Damit hängt noch ein weiterer häufiger Irrtum zusammen. Viele Menschen stellen sich die Schärfentiefe als einfaches Schema vor: vorne scharf, hinten unscharf. Tatsächlich ist der scharfe Bereich immer zwischen zwei unscharfen Bereichen eingeschlossen – davor und dahinter, jedoch fehlt auf den meisten Aufnahmen einfach der Vordergrund, sodass wir dazu neigen, Unschärfe nur im Hintergrund wahrzunehmen.

Brennweite 300 mm, Blende f/6,7. Man sieht, dass der Vordergrund genauso unscharf ist wie der Hintergrund, und die Schärfentiefe ist dank des Teleobjektivs extrem gering.

Die Schärfentiefe ist keine technische Notwendigkeit, sondern eine bewusste kreative Entscheidung. Genau wie die Farbe oder der Kontrast beeinflusst sie, was der Betrachter als Erstes wahrnimmt, wie lange er sich im Bild orientiert und was er daraus mitnimmt. Scharfe Bildbereiche ziehen natürlich die Aufmerksamkeit auf sich, während unscharfe Bereiche in den Hintergrund treten und Raum lassen.

Eine geringe Schärfentiefe hilft dabei, das Motiv vom Hintergrund zu trennen.

Gerade dank der Arbeit mit der Schärfentiefe kann der Fotograf das Hauptmotiv von der unruhigen Umgebung trennen, die Szene vereinfachen und dem Bild Atmosphäre verleihen. Eine geringe Schärfentiefe wirkt oft intim und ruhig, während eine große Schärfentiefe die Lesbarkeit des Raums und des Kontexts unterstützt. Es geht nicht darum, welche Variante „besser” ist, sondern welche dem Zweck des Fotos dient.

Was beeinflusst die Schärfentiefe: Blende, Brennweite und Entfernung

Die Schärfentiefe entsteht nicht zufällig. Sie ist das Ergebnis einer Kombination mehrerer miteinander verbundener Faktoren. Einer der wichtigsten Faktoren ist die Blende. So kann beispielsweise eine Blende von f/1,4 bis f/2,8 eine so geringe Schärfentiefe erzeugen, dass sie für Porträtaufnahmen ausreicht. Je weiter die Blende geöffnet ist, desto schmaler ist der scharf abgebildete Bereich und desto deutlicher ist der Übergang zur Unschärfe. Durch Schließen der Blende erweitert sich der scharfe Bereich und ein größerer Teil der Szene wird scharf abgebildet.

Auch die Brennweite spielt eine große Rolle. Längere Brennweiten neigen dazu, die Schärfentiefe optisch zu verringern und die Unschärfe des Hintergrunds zu betonen. Daher wirken Porträts, die mit einem Porträt- bis Teleobjektiv (ab 45 mm) aufgenommen wurden, oft plastischer als Aufnahmen mit einer kurzen Brennweite, auch wenn der Bildausschnitt ähnlich ist.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Entfernung zum fotografierten Objekt. Je näher Sie sich am Objekt befinden, desto geringer ist die Schärfentiefe. Dies ist beispielsweise bei Makrofotografien deutlich zu erkennen, bei denen oft nur ein sehr schmaler Bereich scharf abgebildet wird. Stellen Sie sich vor, Sie fotografieren zweimal hintereinander dasselbe Objekt mit demselben Objektiv, derselben Blende und derselben Brennweite, aber mit unterschiedlichen Abständen zum Objekt. Die Schärfentiefe der beiden Bilder wird unterschiedlich sein.

Sensorgröße und Schärfentiefe

Und dann ist da noch die Größe des Sensors. Größere Sensoren ermöglichen eine geringere Schärfentiefe bei gleichem Ausschnitt und gleicher Blende, was einer der Gründe dafür ist, warum Bilder von Vollformatkameras anders wirken als Fotos von kleineren Sensoren oder Smartphones. Deshalb sage ich immer, dass ein APS-C-Sensor völlig ausreicht, wenn Sie sich der Wildlife-Fotografie oder der Architekturfotografie widmen möchten. Für Porträtaufnahmen oder beispielsweise Hochzeitsfotos ist hingegen oft eher eine Vollformatkamera erforderlich.

Digitale Unschärfe vs. optische Realität

Mit der Entwicklung von Software und Digitalfotografie entstand die Möglichkeit, nachträglich eine geringere Schärfentiefe zu erzeugen. In der Nachbearbeitung werden dafür Masken, Tiefenkarten oder auf künstlicher Intelligenz basierende Tools verwendet. Auf ähnliche Weise arbeiten auch Smartphones im Porträtmodus (eine Möglichkeit, den Hintergrund am Computer weichzuzeichnen, haben wir im Artikel 3 Tipps, wie man das Hauptmotiv auf Fotos hervorhebtbeschrieben – Anmerkung der Redaktion).

Obwohl sich die Ergebnisse ständig verbessern, handelt es sich immer noch um eine Simulation. Künstliche Unschärfe stößt häufig auf Probleme bei feinen Details wie Haaren oder Brillen, bei Übergängen zwischen scharf und unscharf oder beim Verständnis der räumlichen Struktur einer Szene. Die tatsächliche Arbeit mit Licht, Raum und Optik lässt sich damit bislang noch nicht vollständig ersetzen.

Tilt-Shift: Neigung der Schärfeebene

Und nun noch eine kleine Abschweifung, eher zur Unterhaltung – obwohl es technisch gesehen eigentlich sehr interessant ist.

Es gibt Objektive vom Typ Tilt-Shift. Das ist definitiv kein Spielzeug für jedermann. Ihr Reiz liegt darin, dass sie es ermöglichen, die Fokusebene zu neigen. Die Schärfentiefe liegt dann nicht senkrecht zur Objektivachse, sondern kann in einem Winkel – im Grunde genommen in jede Richtung – geführt werden.

Tilt-Shift-Objektiv.

In der Praxis bedeutet dies, dass Sie beispielsweise die gesamte Decke des Raumes scharf abbilden können, während der Boden vollständig unscharf bleibt. Oder die Schärfe kann sich quer über die Szene erstrecken, beispielsweise nur auf Kopfhöhe der Personen im Bild. Sie schneiden also den Raum nicht von oben nach unten, sondern auch quer.

Die Schärfeebene verläuft senkrecht zur Kamera.

Der resultierende Effekt ist visuell sehr auffällig, manchmal sogar leicht absurd und für den Betrachter verwirrend. Wir müssen jedoch zugeben, dass es sich eher um ein spezifisches Werkzeug als um eine universelle Lösung handelt – die zudem keineswegs billig ist.

Die Schärfeebene ist horizontal. Scharf sind die Säulen im Vordergrund, ein Teil der Straßenbahn, aber auch der Schornstein weit im Hintergrund.

Aber es ist eine gute Erinnerung an eine wichtige Sache: Es gibt Regeln für die Arbeit mit der Schärfentiefe, aber es gibt auch Ausnahmen. Und manchmal zeigen gerade diese Ausnahmen, dass die Schärfentiefe kein festes Gesetz ist, sondern ein flexibles Werkzeug, mit dem man (wenn man weiß, warum) die Realität verzerren kann.

FAQ

Was ist die Schärfentiefe? Die Schärfentiefe ist der Bereich vor dem Objektiv, der auf dem Foto ausreichend scharf erscheint. Es handelt sich dabei nicht um einen einzelnen Punkt, sondern um einen Bereich zwischen der vorderen und hinteren Schärfegrenze.

Wie stellt man eine geringe Schärfentiefe ein? Verwenden Sie eine offene Blende (z. B. f/1,8–f/2,8), eine längere Brennweite und nähern Sie sich dem fotografierten Objekt. Ein größerer Sensor, beispielsweise ein Vollformatsensor, ist ebenfalls hilfreich.

Was beeinflusst die Schärfentiefe am meisten? Blende, Brennweite, Entfernung zum Objekt und Sensorgröße. Diese Faktoren wirken zusammen.

Ist Bokeh dasselbe wie die Schärfentiefe? Nein. Bokeh bezeichnet die Art der Unschärfe außerhalb der Fokusebene, während die Schärfentiefe bestimmt, wie groß der scharfe Bereich ist.

Was ist der Unterschied zwischen Unschärfe und Bewegungsunschärfe? Die Unschärfe entsteht optisch aufgrund der Schärfentiefe, die Bewegungsunschärfe wird durch eine lange Belichtungszeit und die Bewegung der Kamera oder des Objekts verursacht.

Kann ein Smartphone eine geringe Schärfentiefe ersetzen? Das Handy simuliert das meistens mit einer Software. Die Ergebnisse können gut sein, aber oft versagen sie bei Haaren, Brillen oder komplizierten Kanten.

Wozu dient ein Tilt-Shift-Objektiv? Es ermöglicht die Neigung der Schärfeebene und die Änderung der Perspektive, was in der Architektur oder für kreative Effekte genutzt wird.

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AutorGalina Gordeeva

Fotografin, Dozentin, Redakteurin. Sie beschäftigt sich seit 2004 mit Fotografie. Derzeit ist sie Leiterin des Magazins Digitale Fotografie, schreibt Artikel über Fotografie, unterrichtet, leitet eine Fotografie-Akademie in Prag und kreiert weiterhin ihre eigenen Werke. Auf Experimente kann sie nicht verzichten, weshalb sie sich in den letzten Jahren verstärkt experimentellen Techniken, insbesondere der Luminografie, widmet. Sie ist in der tschechischen und internationalen Lightpainter-Community anerkannt und ihre mit Licht gemalten Bilder gewinnen regelmäßig Preise bei internationalen Wettbewerben.

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