Handy oder Kamera? 6 Situationen, in denen ein Smartphone nicht ausreicht

Moderne Smartphones machen erstaunlich gute Fotos. Doch sobald das Licht nachlässt, sich das Motiv in Bewegung setzt oder Sie sich einen natürlich unscharfen Hintergrund wünschen, stoßen sie an ihre Grenzen. Lesen Sie, wo die klassische Kamera noch immer die Nase vorn hat, wann sich der Griff zu ihr lohnt und wann Ihnen das Smartphone völlig ausreicht.

Was Sie in diesem Artikel erfahren

  • Warum das Smartphone automatisch Belichtungsreihen für Sie aufnimmt und was daraus folgt.
  • Wie sich das Smartphone nachts und bei Gegenlicht schlägt.
  • Wodurch sich die echte von der berechneten Schärfentiefe unterscheidet.
  • Warum das Smartphone bei schnellen Bewegungen nicht mithalten kann.
  • Wann RAW, Farbkonsistenz und Qualität für den Großformatdruck wichtig werden.

Während wir uns im Artikel Handy oder Kamera? Wann Sie zum Smartphone greifen – und wann zur Kamera stärker auf die positiven Seiten des Fotografierens mit dem Smartphone konzentriert haben, geht es diesmal um Situationen, in denen Ihnen das Smartphone zu schaffen machen kann. Wir zeigen, warum die klassische Kamera unter schwierigen Bedingungen noch immer deutlich mehr Sicherheit und Freiheit bietet.

Smartphone und Kamera sind heute in vieler Hinsicht gleichwertige Werkzeuge, dennoch hat jedes seine Besonderheiten. Auch die klügste Technik stößt früher oder später an die Grenzen der Physik. Wenn Sie Ihre Fotografie weiterbringen möchten, sollten Sie wissen, wo der Komfort des Displays endet und wo Ihnen eine solide Optik mit großem Sensor Möglichkeiten bietet, für die Software einfach nicht mehr ausreicht.

Fotografieren mit dem Smartphone bei schlechtem Licht

Bei ausreichend Licht, beispielsweise tagsüber, sind die Unterschiede zwischen Kamera und Smartphone minimal. Dank computergestützter Fotografie meistern moderne Smartphones kontrastreiche Szenen oft besser als eine Kamera im Automatikmodus. Das liegt aber daran, dass das Smartphone automatisch umfangreiche Belichtungsreihen aufnimmt – also blitzschnell eine Serie unterschiedlich belichteter Aufnahmen, die es sofort zu einem Bild zusammensetzt.

Beim iPhone können Sie diesen Prozess im Grunde gar nicht ausschalten. Sie können ihn nur teilweise abschwächen, indem Sie Fokuspunkt und Belichtung (AF/AE) manuell wählen, doch auch dann entzieht sich das Ergebnis oft Ihrer Kontrolle. Für Fotografen mit klarer kreativer Vision kann das einschränkend sein.

Aufgenommen im Porträtmodus mit dem Samsung Galaxy S23. © Ester Dobiášová
Aufgenommen im Porträtmodus mit dem iPhone 13 Pro. © Jan Prokopius

Den größten Unterschied zwischen Kamera und Smartphone spüren Sie, sobald die Lichtverhältnisse anspruchsvoller werden.

Bewegung in der Nacht lässt sich mit dem Smartphone im Grunde nicht festhalten, weil es von sich aus eine längere Belichtungszeit und zugleich eine Belichtungsreihe zur Rauschunterdrückung verwendet und Sie das Ergebnis nicht beeinflussen können. Der Rest sieht auf den ersten Blick zwar ähnlich aus, doch schon wenn Sie das Foto vom Smartphone auf einem größeren Display öffnen, sehen Sie einen großen Unterschied bei den Details – vom Drucken ganz zu schweigen. Aufgenommen mit Sony a7c + 35 mm und iPhone 13 Pro. © Jan Prokopius

Auch bei wenig Licht und Gegenlicht stößt das Smartphone an seine Grenzen. Der kleine Sensor und die aggressive Software versuchen, das digitale Rauschen zu glätten, was oft zu einem verwaschenen Bildeindruck führt, bei dem feine Details zu unlesbaren Flächen verschmelzen. Eine Kamera mit großem Sensor glänzt dagegen mit naturgetreuer Farbtiefe und der Wiedergabe realer Details.

Das Bild hat dank des Porträtmodus zwar einen schön unscharfen Hintergrund, mit dem Schatten im Gesicht der Kuh kam das Smartphone aber nicht zurecht. Jeder Eingriff in der Nachbearbeitung verschlimmert das Rauschen nur noch. Aufgenommen mit dem Samsung Galaxy S23.

Echte vs. berechnete Schärfentiefe

Das Smartphone-Bokeh ist ein mathematischer Algorithmus. Er macht häufig Fehler bei Haaren, Brillen oder in den Lücken zwischen Armen und Körper. Die Unschärfe berücksichtigt in der Regel nicht die Entfernung der Objekte vom Objektiv – alles hinter dem Model ist gleich stark verschwommen. Auch wenn Smartphones „auf dem Papier“ hervorragende Blendenzahlen haben, erreichen sie wegen der winzigen Sensorgröße nie eine so geringe natürliche Schärfentiefe wie eine Kamera.

Aufgenommen mit dem Samsung Galaxy S23. © Ester Dobiášová
Aufgenommen im Porträtmodus mit dem iPhone 13 Pro. © Jan Prokopius

Auf diesen beiden Fotos von einem ähnlichen Ort (beide ohne Nachbearbeitung) sehen wir den Unterschied bei der Detailqualität und beim Gesamtergebnis zwischen einer Aufnahme mit dem Samsung Galaxy S23 (links) und einer mit der spiegellosen Sony A7 III mit einem 28–70-mm-Objektiv (rechts).

Bewegung fotografieren

Bewegung ist eine der größten Herausforderungen in der Fotografie. Bei wirklich schneller Action wie Sport oder spielenden Kindern bremst die Auslöseverzögerung das Smartphone aus. Selbst die schnellsten Smartphones haben eine kleine Verzögerung vor der eigentlichen Belichtung, auch hier wieder wegen der Belichtungsreihe.

Eine Kamera, insbesondere eine moderne spiegellose mit prädiktivem Autofokus, ermöglicht es Ihnen, der Bewegung einen Schritt voraus zu sein. Das Auge eines rennenden Hundes zu verfolgen oder die Schärfe auf einem Radfahrer zu halten ist eine Disziplin, in der die Kamera weiterhin dominiert. Die physischen Tasten erlauben es Ihnen außerdem, Einstellungen blind zu ändern, was Ihre Arbeit vor allem bei Reportagen beschleunigt.

Aufgenommen mit Sony a7c + 85 mm und Sony a9 + 35 mm. © Jan Prokopius

Nachbearbeitung

Ein grundlegender Unterschied zeigt sich auch darin, was nach dem Druck auf den Auslöser passiert. Smartphone-Fotos sind ein bisschen „ready to eat“. Das Smartphone übernimmt die gesamte Arbeit: Es gleicht Schatten aus, holt Farben heraus und schärft die Szene nach. Das Foto ist sofort bereit zum Teilen.

Vor allem auf Reisen, wenn ich Fotos lediglich in sozialen Netzwerken teilen oder der Familie schicken möchte und sie nicht Teil einer größeren Serie sind, lohnt es sich für mich, aus Zeitgründen überwiegend mit dem Smartphone zu fotografieren. Aufgenommen mit dem Samsung Galaxy S23. © Ester Dobiášová

Manche langweilt das dagegen, weil sie dabei die kreative Kontrolle verlieren. Das RAW-Format verlangt nach Nachbearbeitung. Dieser Weg kostet zwar mehr Zeit, erlaubt Ihnen aber, mit Licht und Farbe in einem viel größeren Bereich zu arbeiten, ohne dass das Foto an Qualität verliert. Auch eine Kamera kann hervorragende JPG-Aufnahmen erzeugen. Damit Sie diese aber sofort mit Freunden teilen können, brauchen Sie eine App, die Ihre Kamera mit dem Smartphone verbindet.

Bei diesem Foto hätte mich die Bearbeitung der RAW-Aufnahme unnötig viel Zeit gekostet, das Bild vom Smartphone reicht für meine Reisezwecke völlig aus. Aufgenommen mit dem Samsung Galaxy S23 (links) und der Sony A7 III mit einem 28–70-mm-Objektiv (rechts). © Ester Dobiášová

Wenn Sie mehr wollen als ein Foto fürs Display

Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf über Megapixel und Auflösung, wenn Sie für Instagram fotografieren. Wenn Sie aber einen Druck im Großformat planen, sind Auflösung und die Sauberkeit der RAW-Daten aus der Kamera die bessere Wahl, um Details zu bewahren.

Ein Beispiel für einen Nachteil des Smartphones: Der Automatikmodus hat entschieden, jedes Foto farblich anders zu verarbeiten, obwohl die Aufnahmen kurz hintereinander entstanden sind. Aufgenommen mit dem iPhone 13 Pro. © Jan Prokopius

Bei langfristigen Dokumentarserien ist wiederum die Konsistenz des Ergebnisses entscheidend. Die Smartphone-Software verändert sich mit jedem Update und passt die Farbwiedergabe an, was die Geschlossenheit der Serie stört. Ein Bild, das im Januar mit demselben Smartphone entstanden ist, kann eine völlig andere Farbcharakteristik, einen anderen Kontrast und eine andere Hautwiedergabe haben als ein Bild vom Dezember.

Wenn ich schon eine Serie mit dem Smartphone fotografiere, wähle ich immer denselben Bearbeitungsmodus. Die raue, ungeschönte Wirkung von Schwarz-Weiß passt für mich zu dieser Art von Motiven. Aufgenommen mit dem Samsung Galaxy S23. © Ester Dobiášová

Und dann gibt es Disziplinen, in denen Sie ohne präzise Kontrolle über den Verschluss nicht auskommen. Langzeitbelichtungen von fließendem Wasser, das sich dadurch in einen seidigen Schleier verwandelt, das Festhalten von Sternspuren am Nachthimmel oder Panning, bei dem Sie einem rennenden Pferd so folgen, dass der Hintergrund zu dynamischen Schlieren verwischt – all das ist mit einer Kamera weit einfacher, und das Ergebnis ist besser.

Der Vergleich im Überblick

Damit Sie sich auf Anhieb entscheiden können, haben wir für Sie einen Vergleich der wichtigsten technischen Parameter zusammengestellt.

ParameterSmartphoneKamera
Bildqualität bei schlechtem Licht⭐⭐⭐⭐⭐⭐⭐
Bokeh und Schärfentiefe⭐⭐⭐⭐⭐⭐⭐
Bewegung fotografieren (Sport, Action)⭐⭐⭐⭐⭐⭐⭐
Kreative Kontrolle (RAW, manueller Modus)⭐⭐⭐⭐⭐⭐⭐
Farbkonsistenz⭐⭐⭐⭐⭐⭐
Haptisches Erlebnis und Ergonomie⭐⭐⭐⭐⭐⭐
Eignung für den Druck (Großformat)⭐⭐⭐⭐⭐⭐

Lassen Sie sich nicht einschränken

Es gibt Unterschiede zwischen Smartphone und Kamera, doch am Ende kommt es nicht darauf an, ob Sie das neueste Smartphone oder eine professionelle spiegellose Kamera in der Hand halten, sondern darauf, ob Sie die Stärken Ihres Geräts für Ihr Vorhaben nutzen können. Fotografieren Sie mit dem, was Ihnen liegt – aber fotografieren Sie bewusst.

FAQ

Warum kommt das Smartphone bei schlechtem Licht nicht gut zurecht?

Der kleine Sensor und die aggressive Software versuchen, das digitale Rauschen zu glätten, was oft zu einem verwaschenen Bildeindruck führt, bei dem feine Details zu unlesbaren Flächen verschmelzen. Eine Kamera mit großem Sensor bietet bei schlechtem Licht eine deutlich bessere Farbtreue und Wiedergabe realer Details.

Ist der unscharfe Hintergrund vom Smartphone der gleiche wie bei der Kamera?

Nein. Das Smartphone-Bokeh ist ein mathematischer Algorithmus, der häufig bei Haaren, Brillen oder in den Lücken zwischen Armen und Körper Fehler macht. Außerdem berücksichtigt die Unschärfe in der Regel nicht die Entfernung der Objekte, sodass alles hinter dem Model gleich stark verschwommen ist. Wegen des kleinen Sensors erreicht ein Smartphone nie eine so geringe natürliche Schärfentiefe wie eine Kamera.

Warum ist das Smartphone beim Fotografieren von Bewegung im Nachteil?

Bei schneller Action wie Sport oder spielenden Kindern bremst die Auslöseverzögerung das Smartphone aus, weil es vor der eigentlichen Belichtung eine Serie von Aufnahmen für die computergestützte Verarbeitung macht. Eine moderne spiegellose Kamera mit prädiktivem Autofokus kann das Auge eines rennenden Hundes verfolgen oder die Schärfe auf einem Radfahrer halten.

Wann reicht das Smartphone und wann ist eine Kamera besser?

Das Smartphone reicht für schnelles Teilen in sozialen Netzwerken oder auf Reisen, wenn die Fotos nicht Teil einer größeren Serie sind. Eine Kamera lohnt sich beim Druck im Großformat, bei der Arbeit mit RAW, bei Langzeitbelichtungen oder bei Dokumentarserien, bei denen es auf ein konsistentes Ergebnis ankommt.

Warum verändern sich die Farben vom Smartphone von Foto zu Foto?

Der Automatikmodus kann jedes Foto farblich anders verarbeiten, auch wenn die Aufnahmen kurz hintereinander entstanden sind. Außerdem verändert sich die Smartphone-Software mit jedem Update, sodass ein Bild vom Januar andere Farben, einen anderen Kontrast und eine andere Hautwiedergabe haben kann als ein Bild vom Dezember.

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AutorEster Dobiášová

Ich bewundere (nicht nur) Dokumentarfotografen und versuche in meiner eigenen Arbeit Serien zu erstellen, die durch einen lesbaren Gedanken verbunden sind, aber Raum für eigene Fantasie und Geschichten lassen. Ich mache auch Reportage- und Reisefotografie und leite seit drei Jahren Fotokurse für Teenager. Meine Arbeit können Sie sich auf meiner Website ansehen.

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