Bokeh und seine Qualität: Warum Katzenaugen oder Zwiebelringe entstehen

Beim Bokeh geht es nicht nur darum, wie stark ein Objektiv den Hintergrund unscharf zeichnen kann. Sein Aussehen wird durch eine ganze Reihe optischer Eigenschaften bestimmt – von der Form der Blendenlamellen über die Konstruktion der Linsen bis hin zu verschiedenen optischen Fehlern. Wir schauen uns an, wie Bokeh entsteht, was Katzenaugen oder Zwiebelringe sind und wie sein Aussehen sogar durch die Kamera selbst beeinflusst werden kann.
Was Sie in diesem Artikel erfahren
- Was das Ausmaß der Hintergrundunschärfe bestimmt und warum es nicht nur auf die Blende ankommt.
- Was „Katzenaugen“ sind und wie sie entstehen.
- Wie die Anzahl und Form der Blendenlamellen die Form des Bokehs beim Abblenden beeinflusst.
- Was „Zwiebelringe“ und „unruhiges Bokeh“ sind.
- Wie die Verschlusseinstellung das Bokeh ungewollt verschlechtern kann.
- Welche Spezialobjektive es gibt, die gezielt für ein schöneres Bokeh entwickelt wurden.
Ein unscharfer Hintergrund ist beliebt, weshalb er als berechneter Effekt längst auch von Smartphones angeboten wird. Professionelle Objektive sind dabei aber nach wie vor im Vorteil: Sie müssen nicht darauf vertrauen, dass der Prozessor die Szene richtig erfasst und eine überzeugende Illusion erzeugt. Die Konstruktion des Objektivs spielt jedoch eine wichtige Rolle, weshalb sich der Stil der Unschärfe von Objektiv zu Objektiv unterscheidet.
Was bestimmt das Bokeh eigentlich?
Das Wort „Bokeh“ stammt aus dem Japanischen und bezeichnet, wie bereits erwähnt, genau die Art, wie der Hintergrund unscharf gezeichnet wird. Wie stark der Hintergrund unscharf wird, hängt von mehreren Faktoren ab. Eine stärkere Hintergrundweichzeichnung entsteht vor allem:
- bei einer niedrigeren Blende,
- bei einer längeren Brennweite,
- beim Fokussieren auf kurze Distanz.


Hintergrundunschärfe mit dem Objektiv Sigma 35/1.2 II bei den Blendenwerten f/1.2 (links) und f/2.8 (rechts). Fokussiert wurde auf denselben Punkt, aufgenommen vom Stativ aus.
Die Unschärfe selbst bedeutet, dass jeder Punkt im Bild zu einem größeren Kreis „verläuft“. Diese Kreise überlappen sich, wodurch der insgesamt unscharfe Effekt entsteht.
Das Problem dabei ist, dass die Form nicht immer ein exakter Kreis sein muss. Außerdem kann sie unterschiedlich groß sein, und im Inneren finden sich manchmal weitere unerwünschte Details. Selbst zwei Objektive mit denselben Grundparametern (sagen wir 35 mm Brennweite und Lichtstärke f/2) verarbeiten den Hintergrund also unterschiedlich und erzeugen ein jeweils anderes Bokeh.
Am deutlichsten zeigen sich diese Formfehler an unscharfen Lichtpunkten, weshalb es sich lohnt, sich auf sie zu konzentrieren – wenn Sie irgendwo eine Bokeh-Beurteilung sehen, wird sie genau deshalb meist von Bildern heller Punkte vor dunklem Hintergrund begleitet. Dort sehen Sie genau, was das Objektiv aus ihnen macht.

Perfektes Bokeh beginnt mit dem Kreis
Wenn wir von gewöhnlichen Objektiven sprechen (und nicht etwa von anamorphotischen), sollten wir einen sauberen Kreis sehen, sofern zwei Bedingungen erfüllt sind: Das unscharfe Licht befindet sich in der Bildmitte, und es wurde die bestmögliche Blende verwendet.

Katzenaugen
In einigen Fällen verformt sich der Kreis allerdings. Am deutlichsten zeigt sich dieser Effekt bei sehr lichtstarken Objektiven, oft schon auf einem einzigen Foto. In der Mitte bleibt die perfekte Form erhalten, doch zum Rand hin flacht sie ab – daher der Name Katzenaugen (cat’s eyes).

Katzenaugen werden Sie durch Abblenden los – dabei werden die Kreise zunehmend regelmäßiger. Gleichzeitig werden sie aber kleiner, es handelt sich also um einen Kompromiss.

Blendenlamellen verwandeln das Bokeh in ein Vieleck
Auf dem letzten Bild zeigt sich eine weitere Tücke. Wie bereits erwähnt, haben die Kreise im Bokeh bei voll geöffneter Blende eine schön runde Form – also dann, wenn das Objektiv am lichtstärksten eingestellt ist. Das liegt einfach an den runden Linsen im gesamten Objektiv. Beim Abblenden schließen sich jedoch die Blendenlamellen im Inneren des Objektivs und schränken dadurch den Lichtdurchgang ein. Der entstehende Lichtkegel übernimmt dann ihre Form.
Das vorherige, mit dem Samyang 85/1.4 II aufgenommene Foto zeigt schön seine neun Lamellen, durch die Neunecke entstehen. Günstigere und vor allem ältere Objektive haben mitunter nur fünf Lamellen.

Teurere Objektive haben meist mehr Lamellen, oft um die 11. Jede Lamelle kann zudem gebogen sein, was die Form des Bokehs weiter verbessert.

Die konkrete Ausführung des Blendenmechanismus beeinflusst zudem auch Sternchen beim Fotografieren scharfer Lichtquellen. Deshalb ist eine möglichst hohe Lamellenzahl nicht immer die beste Lösung.
Wenn das Bokeh nicht glatt ist: Zwiebelringe und unruhiger Hintergrund
Bisher haben wir nur über den äußeren Umriss gesprochen, doch auch im Inneren der „Bokeh-Kugeln“ (bokeh balls) passieren interessante Dinge. Je nach Linsendesign im Objektivkörper können konzentrische Kreise entstehen, die sogenannten Zwiebelringe (onion rings).

Die ausgeprägte Struktur zeigt sich auch im Erscheinungsbild des unscharfen Hintergrunds, sodass Sie bei den entsprechenden Objektiven auf ein unruhiges Bokeh (busy bokeh) stoßen.



Der auffälligste Unterschied zwischen meinen Objektiven war gering, aber hoffentlich erkennbar. Links Samyang 85/1.4 II, rechts Sigma 28-200/2.8-5.6, beide mit Blende f/8. Das zweite Objektiv fügt dem Bokeh Details hinzu, wodurch der Hintergrund nicht so unscharf wirkt, wie er sein könnte.
Wegen der Zwiebelringe kann es also passieren, dass ein Objektiv trotz theoretisch hervorragender Parameter keinen so schön unscharfen Hintergrund liefert wie ein anderes, „schlechteres“ Glas.
Chromatische Aberration
Auch andere Objektivfehler wirken sich auf das Aussehen des Bokehs aus. Die chromatische Aberration färbt ihre Ränder je nach Abstand zu Ihnen oder Platzierung im Bild ein. So begegnen Ihnen Kreise mit grünem oder violettem Rand, was nicht besonders ästhetisch wirkt (lässt sich aber später an den Bildern teilweise korrigieren).

Vorsicht bei halbelektronischem Verschluss und bei Spiegelreflexkameras
Das habe ich bereits in anderen Artikeln erwähnt, betone es aber lieber auch hier: Ein ansonsten perfektes Objektiv-Bokeh lässt sich durch die Kameraeinstellung leicht ruinieren!
Das Problem liegt im Verschluss, der auf „elektronischen ersten Vorhang“ (electronic first/front curtain) eingestellt ist. Dieser hat seine Vorteile, doch bei sehr kurzen Verschlusszeiten im Freien (etwa ab 1/1000 s und kürzer) sehen Sie halb verdunkelte Bokeh-Kreise.


Links rein mechanischer Verschluss, rechts elektronischer erster Vorhang.
Eine schnelle Lösung besteht darin, im Menü auf einen rein mechanischen oder umgekehrt auf einen rein elektronischen Verschluss umzustellen. Im Artikel über Verschlüsse können Sie die Vor- und Nachteile der einzelnen Verfahren nachlesen.
Besitzer von Spiegelreflexkameras sind hier noch schlechter dran. Bei sehr lichtstarken Objektiven wird das Lichtbündel manchmal durch den Spiegelkasten beschnitten, der im Grunde einen Tunnel direkt vor dem Sensor bildet. Das hängt von der konkreten Kameramarke ab (jede hat einen unterschiedlich großen Tunnel) und vom konkreten Objektivdesign – hier zum Beispiel bei der Canon 5D Mark IV mit dem Objektiv Canon EF 85/1.4 IS:

Bei spiegellosen Kameras entfällt dieses Problem.
Spezialobjektive
Es gibt Objektivkategorien mit einem besonderen Bokeh, sei es ungewollt oder absichtlich.
Die erste sind Teleobjektive mit zwei Spiegeln im Inneren (katadioptrisch).

Sie sind bei Astronomen verbreitet, da sie das gesamte optische System deutlich verkleinern. Gelegentlich tauchen sie deshalb auch in der Ausrüstung für gewöhnliche Fotografen auf, die dann aber das eigentümliche ringförmige Bokeh in Kauf nehmen müssen.

Andere, seltenere Objektive mit Bezeichnungen wie „Defocus Smoothing“, „Apodization Filter“ und ähnlichen sind dagegen gezielt auf möglichst weiche, unscharfe Lichter hin konstruiert. Auch bei ihnen lösen sich die Lichter in Kreise auf, allerdings mit zum Rand hin allmählich verblassenden Konturen.


Vergleich des „normalen“ Objektivs Canon RF 85/1.2 links und seiner speziellen DS-Version (Defocus Smoothing) rechts.
Lichtstärke ist nicht alles
Über die Hintergrundunschärfe ließe sich noch lange sprechen, aber hoffentlich hat Ihnen schon dieser Überblick gezeigt, dass sich Objektive mitunter erheblich voneinander unterscheiden. Leider ist das Bokeh ein Faktor, der sich in den Spezifikationen nur andeutet (Lichtstärke, Lamellenzahl) – die tatsächliche Qualität zeigt sich erst an echten Fotos. Bei einfachen Objektiven müssen Sie sich damit nicht groß beschäftigen, bei lichtstarken Objektiven ist es aber manchmal ausschlaggebend für die Entscheidung, sich für das eine oder andere Produkt zu entscheiden.
FAQ
Was bestimmt das Ausmaß der Hintergrundunschärfe (Bokeh)?
Den größten Einfluss haben eine niedrigere Blendenzahl, eine längere Brennweite und ein geringerer Abstand zum fokussierten Objekt. Neben dem Ausmaß der Unschärfe kommt es aber auch auf die Konstruktion des Objektivs an, die die Form und Struktur der unscharfen Lichter beeinflusst.
Was sind „Katzenaugen“ beim Bokeh?
Dabei handelt es sich um eine Verformung des kreisförmigen Bokehs zum Bildrand hin, typisch für sehr lichtstarke Objektive bei voll geöffneter Blende. Die Kreise in der Mitte bleiben rund, flachen aber zum Rand hin ab. Abmildern lässt sich das durch Abblenden, was aber wiederum das gesamte Ausmaß der Unschärfe verringert.
Wie beeinflusst die Anzahl der Blendenlamellen die Form des Bokehs?
Bei voll geöffneter Blende ist das Bokeh unabhängig von der Lamellenzahl rund. Sobald Sie das Objektiv aber abblenden, nehmen die Kreise je nach Lamellenzahl eine vieleckige Form an – je mehr Lamellen (und je stärker sie abgerundet sind), desto runder bleibt die Bokeh-Form auch beim Abblenden.
Wie kann die Kameraeinstellung das Bokeh ungewollt verschlechtern?
Ein auf „elektronischen ersten Vorhang“ eingestellter Verschluss verursacht bei kurzen Verschlusszeiten (ab 1/1000 s und kürzer) halb verdunkelte Bokeh-Kreise. Abhilfe schafft die Umstellung auf einen rein mechanischen oder rein elektronischen Verschluss. Bei Spiegelreflexkameras kann zudem der Spiegelkasten das Bokeh am Bildrand beschneiden.
Gibt es Objektive, die gezielt für ein besseres Bokeh entwickelt wurden?
Ja, Objektive mit der Bezeichnung „Defocus Smoothing“ oder „Apodization Filter“ verfügen über ein spezielles Element, durch das unscharfe Lichter zum Rand hin allmählich verblassen, statt scharf begrenzt zu sein. Katadioptrische (Spiegel-)Teleobjektive erzeugen dagegen das charakteristische ringförmige Bokeh mit einem Loch in der Mitte.