7 Fotoregeln, die Sie getrost brechen können

Die Fotografie steckt voller Regeln. Manche ergeben Sinn, andere wiederholen sich einfach so lange, bis wir sie für die reine Wahrheit halten. Aber darf man wirklich nicht mittags fotografieren? Braucht ein Mensch vor dem Gesicht immer freien Raum? Werfen wir einen Blick auf sieben fotografische Dogmen: warum sie entstanden sind, wovor sie uns eigentlich schützen sollen – und was passiert, wenn wir sie einfach mal ignorieren.

Was Sie in diesem Artikel erfahren

  • Dass Sie auch mittags fotografieren können.
  • Dass auch eine beengte Komposition wirkungsvoll sein kann.
  • Dass Anschnitte an Gelenken nicht unbedingt falsch sind.
  • Wann ein Porträt auch ohne sichtbare Augen funktioniert.
  • Dass Reflexionen beim Fotografieren gegen die Sonne nicht immer ein Nachteil sind.
  • Dass hartes Licht und direkter Blitz beim Porträt großartig aussehen können.

1. Mittags wird nicht fotografiert

Die Mittagssonne steht hoch am Himmel und erzeugt im Gesicht harte Schatten unter den Augen, der Nase und dem Kinn. Durch den hohen Kontrast gehen Details verloren, und unser Model kann auf dem Foto „Pandaaugen“ bekommen. Bei Landschaftsaufnahmen sorgt die Sonne zudem oft für eine flache Szene ohne interessante Atmosphäre. Deshalb empfiehlt es sich, auf den Morgen oder Abend zu warten.

Was passiert, wenn Sie die Regel brechen?

Der modernen Architektur steht die Mittagssonne wirklich gut.

Die Mittagssonne kann aber richtig interessant sein. Sie erzeugt scharfe Schatten, grafische Muster und starke Kontraste. Versuchen Sie, Licht zwischen Gebäuden zu suchen, Silhouetten zu fotografieren oder den Schatten selbst zum Hauptmotiv zu machen. Plötzlich stellen Sie fest, dass selbst das Licht, dem alle so sorgfältig ausweichen, jede Menge Möglichkeiten bieten kann. Fotografieren Sie ein Porträt, können Sie Ihr Model im Schatten verstecken oder die Sonne nur einen Teil des Gesichts beleuchten lassen. Das Ergebnis ist dann kein klassisch schmeichelhaftes Foto, sondern vielleicht ein richtig ausdrucksstarkes Porträt.

Bei Landschaften liegt tiefstehende Sonne weiterhin vorn … es sei denn, es handelt sich um eine urbane Szene mit moderner Architektur. Die sehnt sich geradezu nach der hohen, harten Mittagssonne!

2. Vor dem Objekt muss immer Raum sein

Ein Mensch, der in eine bestimmte Richtung blickt oder läuft, sollte vor sich genug Platz haben. Das ist eine der beliebtesten Kompositionsregeln. Fotografieren Sie beispielsweise eine Läuferin, die direkt am rechten Bildrand aus dem Bild hinausläuft, wirkt es, als würde sie gleich gegen eine Wand laufen.

Was passiert, wenn Sie die Regel brechen?

Vor dem Gesicht blieb kaum Platz, und die ganze Gestalt wirkt beklommen – auch dank der Komposition.

Wenig Raum vor dem Objekt kann einem Foto Spannung verleihen. Eine Figur, die direkt zum Bildrand blickt, kann beklommen wirken, als hätte sie keinen Fluchtweg. Und manchmal kann das Ergebnis sogar witzig sein – etwa ein Hund, der direkt vor sich hinschaut und mit der Schnauze fast an den Bildrand stößt. Sie müssen dem Objekt also nicht immer Raum lassen, nur weil es so in den Lehrbüchern steht. Manchmal ist gerade eine beengte Komposition genau das, was Sie für Ihre Bildaussage brauchen.

3. Menschen dürfen an den Gelenken nicht angeschnitten werden

Knie, Ellenbogen, Handgelenke und Knöchel. Hier soll die Figur den traditionellen Regeln zufolge nicht angeschnitten werden, weil es sonst aussehen kann, als hätten Sie die Person versehentlich abgeschnitten. Empfohlen wird daher, lieber zwischen den Gelenken zu schneiden, zum Beispiel in der Mitte des Oberschenkels oder Unterarms.

Was passiert, wenn Sie die Regel brechen?

Eine Hand so anschneiden, dass im Bild nur die Finger bleiben? Mutig, aber warum nicht?

Das Anschneiden über ein Gelenk hinweg muss keine Katastrophe sein. In der Mode-, Werbe- oder experimentellen Fotografie kann es sehr gut funktionieren. Damit können Sie eine Geste, die Kleidung oder ein interessantes Körperdetail hervorheben. Sie müssen schließlich nicht jedes Mal einen Menschen von Kopf bis Fuß zeigen. Wichtig ist, ob Sie die Figur zufällig oder absichtlich angeschnitten haben. Im zweiten Fall kann gerade das Anschneiden der Fotografie Energie verleihen.

4. Auf dem Porträt müssen die Augen zu sehen sein

Die Augen gehören zu den wichtigsten Elementen eines Porträts. Sie helfen uns, Kontakt zum Betrachter herzustellen, und wecken Emotionen. Deshalb wird so viel Wert auf ihre Schärfe, ihren Ausdruck und ihre Sichtbarkeit gelegt.

Was passiert, wenn Sie die Regel brechen?

Auf dem Porträt müssen weder die Augen noch das Gesicht zu sehen sein. Die Bewegung der Haare hat die Dynamik wunderbar eingefangen, und ihre Farbe harmoniert gut mit dem kühlen Hintergrund.

Verdeckte oder abgewandte Augen können dagegen sehr interessant sein. Die Person kann nachdenklich, distanziert oder in ihre eigene Welt versunken wirken. Die Augen lassen sich hinter Haaren, Schatten, Stoff oder einem Requisit verstecken. Ein Porträt muss also nicht immer auf den direkten Blick in das Objektiv angewiesen sein. Manchmal erzeugt gerade dessen Abwesenheit die beste Atmosphäre.

5. Die Sonne darf nicht direkt in das Objektiv scheinen

Das Fotografieren gegen die Sonne verursacht oft Reflexionen, Lichtschleier und einen Kontrastverlust – besonders wenn Ihr Objektiv nicht ganz sauber ist. Manche Details können dabei ganz verloren gehen, und im Bild erscheinen farbige Flecken. Deshalb versuchen Fotografinnen und Fotografen, das Licht unter Kontrolle zu behalten, und vermeiden solche Effekte meist.

Was passiert, wenn Sie die Regel brechen?

„Lens Flares“ liebe ich! Und die Reduzierung des Kontrasts verleiht dem Bild eine traumhafte Atmosphäre.

Reflexionen müssen Sie nicht immer entfernen. Sie können einem Foto eine traumhafte Atmosphäre, weiches Licht oder eine filmische Anmutung verleihen. Gegen die Sonne lässt sich leicht eine Silhouette erzeugen, und in der Modefotografie kann ein Lichtschleier ein interessantes Element sein. Nur – wie bei allen anderen Punkten – sollten Sie wissen, was Sie tun. Setzen Sie eine Reflexion bewusst ein, ist das kein misslungenes Foto, sondern Teil des Ergebnisses.

6. Hartes Licht steht dem Frauenporträt nicht

Beim Frauenporträt wird meist weiches Licht empfohlen. Es glättet die Haut, mildert scharfe Schatten, sorgt für ein schmeichelhafteres Aussehen und verzeiht der Fotografin oder dem Fotografen eine ungenaue Positionierung. Hartes Licht erzeugt im Gesicht deutliche Übergänge zwischen Licht und Schatten und betont bei falscher Positionierung die Hautstruktur, was den meisten Frauen eher nicht gefällt.

Was passiert, wenn Sie die Regel brechen?

Hartes Licht ist um keinen Deut schlechter als weiches, Sie müssen nur genau darauf achten, woher es kommt, und das Model gelegentlich bitten, das Kinn zu heben.

Hartes Licht kann genau das sein, was ein Porträt braucht. Es kann eine selbstbewusste, markante und dramatische Aufnahme erzeugen. In der Modefotografie kann es modern, grafisch und energiegeladen wirken. Und warum sollte ein Frauenporträt eigentlich immer zart, makellos und perfekt geglättet sein? Es kommt auf das Model, das Styling und die Stimmung an, die Sie mit dem Foto erzeugen möchten. Manchmal ist hartes Licht viel interessanter als eine perfekt ausgeleuchtete Softbox.

7. Direkter Blitz an der Kamera ist ein Anfängerfehler

Direkter Blitz trifft das fotografierte Objekt aus derselben Richtung wie das Objektiv. Das Licht ist hart und flach, hinter dem Objekt entstehen Schatten, und auf Stirn und Nase erscheinen hässliche Reflexionen. Deshalb lernen wir, den Blitz von der Decke oder Wand abprallen zu lassen, Modifikatoren zu verwenden oder ihn außerhalb der Kamera zu positionieren.

Was passiert, wenn Sie die Regel brechen?

Direkter Blitz kann trendy und hochwertig aussehen, dafür brauchen Sie nur eine Idee und etwas Mut.

Direkter Blitz muss kein Zeichen eines Anfängerfehlers sein. In der Mode-, Reportage- oder Streetfotografie kann er einen kräftigen Kontrast, satte Farben und eine ganz eigene Atmosphäre erzeugen. Er kann Bewegung einfrieren und bei längerer Belichtungszeit einen scharfen Blitzmoment mit Bewegungsunschärfe kombinieren.

Manchmal brauchen wir einfach genau den harten Blitz, vor dem uns Fotohandbücher so eindringlich warnen – und eine Prise Mut dazu. Und wenn wir wissen, warum wir ihn einsetzen, ist daran überhaupt nichts Amateurhaftes.

Mich interessiert: Welche Regeln, an die wir alle gewöhnt sind, brechen Sie? Schreiben Sie es in die Kommentare!

FAQ

Darf man wirklich nicht mittags fotografieren?

Doch, das dürfen Sie. Die Mittagssonne erzeugt zwar harte Schatten und einen hohen Kontrast, aber genau das lässt sich für grafische Aufnahmen, Silhouetten oder moderne Architektur nutzen. Beim Porträt können Sie das Model im Schatten verstecken oder die Sonne nur einen Teil des Gesichts beleuchten lassen.

Braucht eine Figur vor dem Gesicht immer freien Raum?

Nein. Freier Raum in der Blickrichtung wirkt offen und ruhig, aber wenig Platz vor dem Objekt verleiht einem Foto Spannung, Enge oder sogar Humor. Es kommt darauf an, was Sie mit dem Bild ausdrücken möchten.

Wie fotografieren Sie gegen die Sonne, ohne dass Reflexionen dem Foto schaden?

Sie müssen Reflexionen nicht immer entfernen, denn sie können eine traumhafte Atmosphäre, weiches Licht oder einen filmischen Look erzeugen. Gegen die Sonne erzeugen Sie außerdem leicht eine Silhouette. Wichtig ist, sie bewusst einzusetzen und zu wissen, was Sie erreichen möchten.

Eignet sich hartes Licht auch für das Frauenporträt?

Ja, wenn Sie eine markante, selbstbewusste und dramatische Aufnahme möchten. Hartes Licht verzeiht weniger. Deshalb müssen Sie genau darauf achten, woher es kommt, und das Model bei Bedarf um eine Änderung der Pose bitten, etwa um das Anheben des Kinns.

Wann ist es sinnvoll, direkten Blitz an der Kamera einzusetzen?

In der Mode-, Reportage- oder Streetfotografie, wo direkter Blitz einen kräftigen Kontrast, satte Farben und eine spezifische Atmosphäre erzeugt. Er kann Bewegung einfrieren und bei längerer Belichtungszeit einen scharfen Blitzmoment mit Bewegungsunschärfe kombinieren.

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AutorGalina Gordeeva

Fotografin, Dozentin, Redakteurin. Sie beschäftigt sich seit 2004 mit Fotografie. Derzeit ist sie Leiterin des Magazins Digitale Fotografie, schreibt Artikel über Fotografie, unterrichtet, leitet eine Fotografie-Akademie in Prag und kreiert weiterhin ihre eigenen Werke. Auf Experimente kann sie nicht verzichten, weshalb sie sich in den letzten Jahren verstärkt experimentellen Techniken, insbesondere der Luminografie, widmet. Sie ist in der tschechischen und internationalen Lightpainter-Community anerkannt und ihre mit Licht gemalten Bilder gewinnen regelmäßig Preise bei internationalen Wettbewerben.

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