5 Fotografie-Mythen, die widerlegt werden müssen

Fotografen, die gerade erst anfangen, übernehmen oft alle möglichen überlieferten Regeln und Stereotypen. Über manche davon denken sie gar nicht nach – sie nehmen es einfach als Tatsache hin, dass „man das so nicht macht“ und „es so korrekt ist“. Schauen wir uns ein paar beliebte Fotografie-Mythen an und erklären, warum sie schon lange nicht mehr gelten.

Was Sie in diesem Artikel erfahren:

  • Welche fotografischen Regeln nicht gelten und warum.
  • Wie man richtig mit Gegenlicht und Silhouetten arbeitet.
  • Warum es keine Sünde ist, weiße Kleidung vor weißem Hintergrund zu tragen.
  • Warum ein Weitwinkelobjektiv nicht immer die Lösung ist, wenn Sie „ins Bild passen“ möchten.
  • Wie man einen Faltreflektor verwendet, damit das Licht natürlich wirkt.
  • Wann es sinnvoll ist (und wann nicht), bei Nachtaufnahmen einen Blitz zu verwenden.

Mythos 1: Fotografieren Sie nicht gegen die Sonne, daraus wird nichts

Das hat man mir schon als Kind gesagt, als ich meine ersten Fotografien mit einer Lomo-Kamera gemacht habe. Zur Sicherheit habe ich also nicht gegen das Licht fotografiert – was, wenn wirklich nichts dabei herauskommen würde?

Heute haben wir den Vorteil, dass wir das Ergebnis sofort kontrollieren und leicht feststellen können, dass Gegenlicht zu den effektivsten Lichtsituationen gehört. Natürlich vorausgesetzt, dass wir bewusst damit arbeiten. Es eignet sich beispielsweise hervorragend für Silhouettenaufnahmen. Es gibt jedoch eine wichtige Bedingung: Die Silhouette muss erkennbar sein. Ein formloser „Sack”, der an einen Körper mit Armen erinnert, ist nicht besonders beeindruckend. Suchen Sie daher nach einem Winkel, der die Form der Figur am besten zur Geltung bringt.

Das Gegenlicht erzeugt Silhouetten, und es liegt an Ihnen, welche Pose Sie für das Model wählen, damit die Silhouette schön wird.

Mythos 2: Weiß auf Weiß wird unsichtbar

Diese Aussage hören wir am häufigsten bei Aufnahmen für Ausweisdokumente. Und ja, sie hat durchaus ihre Berechtigung. Bei diffusem Frontlicht und hellem Hintergrund kann eine weiße Bluse tatsächlich mit dem Hintergrund verschmelzen. In den meisten üblichen Fotosituationen trifft dies jedoch nicht zu.

Es reicht ein seitliches Licht oder ein leichtes Gegenlicht, um die Figur vom Hintergrund abzuheben, ihr Volumen zu betonen und gleichzeitig ein einheitliches und harmonisches Bild zu erhalten. Darüber hinaus ist „Weiß auf Weiß“ ein klassischer High-Key-Effekt – ein heller, luftiger Stil, der eine Reihe von Unvollkommenheiten sehr elegant kaschiert.

Die Paarfotografie im High-Key-Stil wirkt leicht und luftig. 
Weiß auf Weiß muss nicht immer hell wirken. Hier haben wir das Model beleuchtet, aber nur wenig Licht auf den weißen Hintergrund fallen lassen.

Mythos 3: Um mehr ins Bild zu bekommen, muss man ein Weitwinkelobjektiv verwenden

Und wenn ich näher heranzoomen möchte, verwende ich einfach den Zoom. Physikalisch gesehen ist das zwar richtig, aber in der Praxis werden hier oft Ursache und Wirkung verwechselt. Weitwinkelobjektive bieten einen Blickwinkel, an den das menschliche Auge nicht gewöhnt ist, wodurch sich der Raum anders verhält: Objekte in der Nähe der Kamera werden deutlich vergrößert, während weiter entfernte Objekte schnell kleiner werden. Das Ergebnis ist ein sogenannter „Türspion-Effekt”.

Wenn Sie beispielsweise eine Person mit einem Objektiv mit kurzer Brennweite von der Hüfthöhe aus fotografieren, wirkt sie dickbäuchig und hat kurze Beine. Auf Augenhöhe wirkt sie wiederum großköpfig – und die Beine bleiben kurz. Bei Gruppenfotos, auf denen die Personen im Halbkreis stehen, verzerrt die Perspektive zudem gnadenlos die Figuren an den Rändern des Bildes. Außerdem gilt: Je größer der Winkel, desto größer die Schärfentiefe und desto schwieriger ist es, den Hintergrund unscharf zu machen.

Die Zusammenfassung ist einfach: Wenn Sie möchten, dass mehr in den Bildausschnitt passt, aber keine Verzerrung wünschen, verwenden Sie Ihre Beine und eine längere Brennweite. 

Familienfoto, aufgenommen mit einem 12-mm-Objektiv. Beachten Sie die Verzerrung an den Rändern. 
Familienfoto, aufgenommen mit einem 85-mm-Objektiv. Die Aufnahme wurde zwar aus der Ferne gemacht, dennoch ist die Verzerrung minimal.

Mythos 4: Ein Faltreflektor muss unten gehalten werden

Wenn man ein Porträt in der prallen Sonne fotografiert und es in der Umgebung keine hellen Flächen gibt, die das Licht reflektieren, kommt man oft nicht ohne einen Faltreflektor aus. Allerdings sehe ich sehr oft, dass das Model mit dem Rücken zur Sonne steht und das Gesicht von unten mit einem silbernen Reflektor beleuchtet wird.

Wenn der Reflektor die Hauptlichtquelle ist, die auf das Gesicht fällt, sollte er nicht unten platziert werden.

Stellen Sie sich vor, es gäbe keinen Reflektor – das Gesicht würde komplett dunkel bleiben. Wir haben also eine einzige Lichtquelle hinzugefügt, die von unten kommt. Das Ergebnis? Ein helles Kinn, helle Nasenlöcher und helle Augenbrauenbögen. Ein Effekt wie aus einem Horrorfilm.

In einer solchen Situation sollte der Reflektor genauso positioniert werden wie eine normale Lichtquelle – also seitlich oder von oben.

Ein Reflektor von unten macht nur Sinn, wenn das Gesicht bereits von oben beleuchtet ist und Sie die Schatten nur leicht aufhellen möchten.

Der goldene Reflektor leuchtet von unten und das Ergebnis ist ein Licht vom Typ „Antirembrandt“. Dunkles Dreieck unter dem Auge, helles Kinn und Augenhöhlen.

Mythos 5: Nachts muss man mit Blitz fotografieren

Eher nicht. Eines Abends sprach mich auf der Karlsbrücke eine ältere Amerikanerin an und bat mich um Hilfe. Sie versuchte, den Mond zu fotografieren, aber alle Bilder waren schwarz. Es genügte, den eingebauten Blitz auszuschalten – und schon war das Problem gelöst.

Es mag albern klingen, aber solche Situationen kommen sehr häufig vor. Menschen fotografieren Architektur, Sonnenuntergänge oder den Nachthimmel mit aktiviertem integriertem Blitz, manchmal ohne es zu merken, manchmal vergessen sie einfach, den Blitz auszuschalten. Jeder Blitz hat eine Leitzahl, die angibt, bis zu welcher Entfernung er eine Szene ausleuchten kann. Externe Blitze schaffen sogar mehrere Dutzend Meter, der eingebaute Blitz (auch der im Handy) reicht jedoch meist nur für 5 bis 10 Meter. Alles, was weiter entfernt ist, bleibt schwarz, wenn es nicht von einer anderen, ebenso leistungsstarken Lichtquelle beleuchtet wird.

Wenn Sie Architektur bei Nacht fotografieren, ist diese bereits beleuchtet, sodass die Verwendung eines Blitzes völlig unnötig ist.

Außerdem wirkt das Frontlicht des eingebauten Blitzes platt und trennt den Vordergrund hart vom Hintergrund.

Ein kleiner Tipp zum Schluss: Wenn Sie ein Nachtporträt vor dem Hintergrund einer Stadt aufnehmen und dennoch den Blitz verwenden möchten, stellen Sie eine längere Verschlusszeit ein. Der Blitz sorgt für ein scharfes Vordergrundbild, und die längere Belichtungszeit hilft dabei, den Hintergrund zu zeichnen und dem Bild Atmosphäre zu verleihen.

Ein Frontblitz in Kombination mit einer längeren Belichtungszeit sieht wild, aber manchmal auch stilvoll aus.
Nachtporträt ohne Blitz: Es ist nicht einfach, in der nächtlichen Stadt schönes Licht für ein Porträt zu finden, aber das Ergebnis ist gelungen.

FAQ – Häufig gestellte Fragen

Muss ich mich unbedingt an die fotografischen Regeln halten? Nein. Regeln und Grundsätze wurden als Hilfsmittel geschaffen, nicht als Verbote. Sobald Sie wissen, warum sie funktionieren, können Sie sie bewusst brechen.

Ist das Fotografieren gegen die Sonne auch für Anfänger geeignet? Ja, vor allem dank der sofortigen Bildkontrolle. Man muss nur ein wenig experimentieren und darauf achten, dass das Hauptmotiv gut lesbar ist.

Warum sehen Menschen am Rand von Gruppenfotos verzerrt aus? Es handelt sich nicht um einen Objektivfehler, sondern um eine Perspektive, die durch die kurze Brennweite und die Nähe der Kamera verursacht wird.

Wann ist es sinnvoll, einen Reflektor von unten zu verwenden? Nur wenn das Licht bereits von oben kommt und der Reflektor lediglich die Schatten mildern soll, nicht aber als Hauptlichtquelle dienen soll.

Kann man nachts ohne Blitz und aus der Hand fotografieren? Ja, wenn Sie das verfügbare Licht, ein lichtstarkes Objektiv oder einen höheren ISO-Wert nutzen. Ein Blitz ruiniert die Szene oft eher, als dass er sie rettet.

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AutorGalina Gordeeva

Fotografin, Dozentin, Redakteurin. Sie beschäftigt sich seit 2004 mit Fotografie. Derzeit ist sie Leiterin des Magazins Digitale Fotografie, schreibt Artikel über Fotografie, unterrichtet, leitet eine Fotografie-Akademie in Prag und kreiert weiterhin ihre eigenen Werke. Auf Experimente kann sie nicht verzichten, weshalb sie sich in den letzten Jahren verstärkt experimentellen Techniken, insbesondere der Luminografie, widmet. Sie ist in der tschechischen und internationalen Lightpainter-Community anerkannt und ihre mit Licht gemalten Bilder gewinnen regelmäßig Preise bei internationalen Wettbewerben.

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